Techno-Ökonomie und der „Tanz ums große Geld“

Vor ziemlich genau fünf Jahren stand ich mit leuchtenden Augen vor dem Zeitschriftenregal des lokalen Glimmstengelhändlers und griff zielsicher nach der aktuellen Ausgabe der Groove (Nr. 149, Juli/August). Auf dem Cover wurde neben einem Bericht über die Dystopian Crew der Artikel „Techno-Kapitalismus: So läuft der Tanz ums große Geld“ angekündigt. Laut Groove.de gehört das von Alexis Waltz verfasste Feature immer noch zu den populärsten Artikeln des Musikmagazins. Es schien so, als würde tatsächlich jemand den Mut aufbringen und diesen ganzen Zinnober der Szene aus einer kritischen Perspektive betrachten. Verrückt! Ab nach Hause, Kippe an, Artikel aufgeschlagen und los! Um was ging es eigentlich?

In a nutshell

Im elektronischen Musikzirkus ist wieder einiges los. Die Vorstellungen sind restlos ausverkauft, der Taler zirkuliert, die großen Entertainer(auch -innen?) liefern eine langweilige Show nach der anderen ab und kassieren dafür fünf- oder sogar sechsstellige Gagen. Der Rider ist voll mit exklusivem Gerümpel und die Entourage macht hinterm Pult heiße Promopics für die nächste Wastebook- bzw. Instagramabfahrt. So ungefähr liest sich der Einstieg des Artikels. Etablierte Plattendreher(auch -innen?) brauchen jetzt nen Booker, ne Managerin, Licht- und Tonleute und am besten noch ein paar prekäre TagelöhnerInnen vor Ort, welche die Traversen für die atemberaubende Lichtshow oder den magischen WiFi Kubus fit machen. Professionell ist se geworden die Sze… erm subkulturelle Kulturindustrie. Und weil Landnahme im Kapitalismus immer noch ein Thema ist und sich in den Epizentren des Technos langsam Sättigungstendenzen beobachten lassen, fliegen die großen Spieler mit ihrem Privatjets in den Süden Europas bzw. nach Südamerika und verkünden dort die frohe Botschaft von Love, Peace, Unity und Penunzen. Irgendwann ist vielleicht auch mal Indien oder China dran doch zuvor gehts straight rüber nach… natürlich! Ibiza, dem Hotspot für elektronische Musiktaler oder wie es der herbeizitierte Manager Ed Karney im Artikel beschreibt: das Paradebeispiel für einen „übersättigten, hochgekochten Kapitalismus“. 

Dank Internetz, Social Media, Easy- oder Privatjet wird das Spiel immer schneller. Plattendreher(auch -innen?) checken ihre objektive Lage im internationalen Konkurrenzzirkus, setzen den ollen Einpeitscher vor die Türe und organisieren sich gleich ihr ganz persönliches Zirkuszelt. Zwischenstationen innerhalb der Wertschöpfungskette effizient beseitigen. Man kennt das. Die ganze Attraktion erreicht schwindelerregende Höhen und die (semi)professionellen ZuschauerInnen stehen vorm Zelt und schauen in die Röhre. Treffend be- bzw. umschreibt Alexis Waltz diesen Zustand als eine Klassengesellschaft, in der die unsichtbare Hand den sozialen Sprengstoff platziert. Die Frage ist halt nur welcher und wieviel davon deponiert wurde. Leider bleibt der Text bei dieser Feststellung stehen. Gegen Ende wird dann noch der damalige Streber zum Monopol SFX Entertainment als Pappkamerad aufgestellt und von Seth Troxler himself mit der Moralkeule umgewemmst. Waltz schließt den Artikel mit folgenden Zeilen, die ich selbst nicht so richtig verstanden habe, ab: „Alle, DJs wie Fans, sind heute mehr oder weniger Touristen. Seth Troxler bringt es folgendermaßen auf den Punkt: „Für fast dasselbe Geld kann ich im Club in meinem Hinterhof feiern oder in einen Zug steigen, um meine Großmutter zu besuchen. Oder ich fliege nach Berlin und feiere von Freitag bis Sonntag durch. Das ist verrückt. Aber das ist das moderne Zeitalter. So ist Jugendkultur heute. Vor zehn Jahren konnte man sich das nicht vorstellen. Da war alles lokaler.“ Alles klar…

Es ist so wie es ist…

So funktioniert er also, dieser Techno-Kapitalismus. Es kam, wie es kommen musste. In meiner Timeline sprangen mir immer wieder wütbürgerliche Posts von Clubbetreiber und lokalen DJs zum Artikel bzw. zum Thema vor die Linse. Die Bandbreite der Beschwerden, mit dem Feature in der Hinterhand, erstreckte sich von moralischen Entrüstungen (reich und rücksichtslos… Pfui!) bis hin zu konkreten Beschwerden, dass man jetzt schon keine sogenannten MittelklasseplattendreherInnen mehr buchen könne, weil selbst die schon zu teuer seien. Schnell wurden die Schuldigen gefunden: „die da Oben“ natürlich. Durch das Business gehe die ganze schöne Szene dahin. Dahin war auch der im Titel formulierte Anspruch des Artikels, denn letztlich handelt es sich bei dem Feature um nicht mehr als eine kurzweilige Hofberichterstattung über die Sphäre der Gewinner. Wer sich das ein oder andere Promovideo von größeren Events anschaut, der kann sich den Artikel gleich sparen, denn die visuellen Infos reichen völlig aus und illustrieren das kulturindustrielle Spektakel und die dahinterstehende Industrie vielleicht sogar noch anschaulicher. Die genauen Zusammenhänge, die für diese fortschreitende Ökonomisierung maßgeblich sind, muss man im Artikel mit der Lupe suchen und selbst dann ist das Brett, das dort gebohrt wird, gefährlich dünn. Gleiches gilt für die dahinter liegenden Strukturen des Techno-Kapitalismus. 

It´s grim down here!

Darüber hinaus verschweigt Alexis Waltz die wichtige Rolle der angeblich so hart und real arbeitenden Basis im Techno-Kapitalismus. Mit dem Begriff Basis sind die Residents, Funktionäre und das arbeitende Personal von (lokalen) Clubs gemeint. Jetzt kann man natürlich entgegnen, dass die Betrachtung der Basis gar nicht der Anspruch des Artikels sei, doch wer vom Kapitalismus spricht und die abgehängte Klasse höchstens bleiläufig erwähnt, der zeichnet ganz schnell ein unscharfes und unvollständiges Bild, das scheinbar viel Zustimmung geerntet hat, aber dennoch wenig über den Gegenstand aussagt, mit dem er sich befasst. Zum Thema (männlich dominierte) Strukturen hat Rosa Reitsamer bereits eine Dissertation und daraus später ein ganzes Buch verfasst. Eine kurze Zusammenfassung gibts hier. Das Buch ist mittlerweile etwas in die Jahre gekommen, hat jedoch nichts an Aktualität eingebüßt. 

Neben den oftmals männlich dominierten und informellen Strukturen wird auf der Ebene der Basis der Grundstein für das Funktionieren der Techno-Ökonomie auf erweiterter Stufenleiter gelegt. Aus einer rein ökonomischen Perspektive unterscheiden sich der nicht mehr ganz so marginalisierte Mainstream der Minderheiten und die ehrlich arbeitenden Realkeeper nur in einem Punkt voneinander: die Verwertung des Werts (gilt für beide) findet auf unterschiedlichen Niveaus statt. Während die eine Fraktion dickste Gewinne einsackt und sie in die eigene Marke reinvestiert, lässt sich der plattendrehende Fieenüüühljunk aus dem kleinen Club nebenan mit 50 Mark vom zugeballerten Promoter abspeisen. Diese hart erspielten Kröten werden im Anschluss an die Party umgehend in Vinyl getauscht, damit der nächste Auftritt auf der Bühne die notwendige Portion subkulturelles Kapital bringt. 

Die eigene prekäre Existenz wird häufig entweder mit dem Glauben an die unkommerzielle Haltung und einem oftmals fadenscheinigen Altruismus (für die Szene) oder mit der Hoffnung, durch die ganze Schinderei endlich mal nach Oben bzw. an bessere Bookings zu kommen verklärt. Die Erkenntnis, dass man sich dabei in einem Konkurrenzverhältnis zu den übrigen PlattendreherInnen der Stadt befindet, Macht über die Definition und Wahrnehmung von (guter) Musik ausübt und um die prinzipiell knappen Slots kämpft bleibt dabei häufig auf der Strecke. Halb so wild, denn auf der anschließenden Afterhour sind alle sowieso total dicke Bärenfreunde und schmieden schon das nächste informelle Netzwerk, im Rahmen dessen man sich dann die kümmerlichen Slots in der Kleinstadt zuschanzt. So reproduzieren sich im Kleinen Strukturen, mit denen sich die Aktivisten den notwendigen Habitus einhämmern lassen und darüber hinaus Fähigkeiten erlernen, die dann, ein entsprechendes Reservoir an Zeit, Geld und Verhaltenskongruenz in Bezug auf die Erfolgreichen vorausgesetzt, gewinnbringend auf dem next level eingebracht werden können. Obwohl sich beide Sphären oberflächlich voneinander unterscheiden, sind sie prinzipiell anschlussfähig. Die leidige Erfolgsstory von den wenigen hart arbeitenden BedroomplattendreherInnen, die ohne eigene Produktionen und Veröffentlichungen den Sprung in die C, B oder A Liga geschafft haben, komplettiert das bescheidene Bewusstsein. Das ist die gar nicht mal so bunte und schrille Kehrseite der Techno-Ökonomie, die zum „Tanz ums große Geld“ dazugehört.

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